Zwischen Asphalt und Glück: Meine Geschichte nach dem Unfall
Man denkt immer, so etwas passiert anderen. Bis es einem selbst passiert.
Ich hatte den ganzen Tag schon ein komisches Gefühl. In der Arbeit lief es nicht rund, die Kollegen waren alle etwas angespannt, irgendwie war der Wurm drin.
Nach der Arbeit stand Unterricht auf dem Plan. Das Wetter war schön, und ich wollte dieses Mal mit dem Motorrad zur Schule fahren. Zuallererst habe ich noch überlegt, wie ich das mit der Schutzkleidung mache, denn vier Stunden mit der schweren, warmen, dicken Hose in einem ohnehin schon viel zu warmen Klassenzimmer zu sitzen, ist auch nicht das Angenehmste. Schlussendlich habe ich mich dazu entschlossen, alles anzulegen und eine Jeanshose darunter zu tragen. War zwar etwas warm, aber es ging.
In der Schule angekommen, habe ich meine Kluft in der Garderobe abgelegt und mit meinen Freunden und Klassenkameraden über Gott und die Welt getratscht, bis der Unterricht anfing. Im Unterricht selbst habe ich mich noch etwas mit einem meiner Lehrer, der selbst begeisterter Motorradfahrer ist, unterhalten – in der Abend-HAK ist ja alles etwas entspannter 😄.
Wir haben so ein Ritual, nach der Schule noch etwas draußen zu stehen und den Stoff noch einmal Revue passieren zu lassen. Meine Kollegen wünschten mir eine gute Fahrt, und ich konterte noch mit: „Der Teufel schläft nicht, aber es wird schon nichts passieren.“ Also: alles angelegt, Moped gestartet, aufgesessen und losgefahren. Ich muss dazusagen, dass das meine erste Nachtfahrt war und ich ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte, aber half ja nichts, nach Hause musste ich ja trotzdem.
Die ersten Kilometer waren ereignislos, doch dann kam es, wie es kommen musste. Eigentlich hätte ich es ja besser wissen müssen, ich fahre die Strecke ja oft genug und Wildtiere sind bei uns keine Seltenheit. Ein Reh. Bis ich realisieren konnte, was passiert war, war es auch schon zu spät. Ich donnerte mit irgendwas zwischen 80 und 100 km/h in das arme Tier. Es war auf einmal da.
Ich machte einen Satz über den Lenker, kam mit dem Helm auf dem Boden auf, zog die Gliedmaßen an mich und machte mich so steif wie möglich, mit dem Hintergedanken, mir nicht schon wieder die Schulter auszukugeln. Dann lag ich da. Ich sammelte mich kurz und checkte meinen Körper durch, soweit es mir möglich war, ohne mich großartig zu bewegen. Dann überlegte ich, wie ich jetzt zu meinem Handy komme, um Hilfe zu rufen.
Keine Ahnung, wie lange ich da lag. Mir kam es auf jeden Fall nicht sehr lange vor, da kam schon der Held der Stunde zur Hilfe: Julian. Julian checkte die Lage, erkundigte sich nach mir und rief die Blaulichtfraktion. In der Zwischenzeit sind noch einige andere Ersthelfer herbeigeeilt und haben mein ganzes Zeug, das ich auf der Straße und dem Feld verteilt hatte, zusammengesammelt. Rettung, Polizei, Notarzt und Feuerwehr haben nicht lange auf sich warten lassen.
Ein Jäger zum Erlösen des Rehs war nicht mehr notwendig. Das Tier hatte es in zwei (oder mehr) Teile zerrissen, wie ich am nächsten Tag erfahren durfte. Meine Gedanken schweiften von „Ich wäre besser mit dem Auto gefahren“ bis hin zu „Zum Glück ist nicht allzu viel passiert“.
Der Notarzt hatte mir zwar etwas Ketamin gegeben, aber nicht so viel, dass ich komplett weg gewesen wäre. Ich wurde stabilisiert, meine Klamotten wurden mir vom Körper geschnitten, danach wurde ich abgetastet, auf die Trage verfrachtet und in das Rettungsauto verladen. Die Fahrt selbst dürfte ich zum größten Teil verschlafen haben. Zwar habe ich mitbekommen, wie wir die Strecke zur Schnellstraße gefahren sind, selbige habe ich allerdings nicht mehr mitbekommen. Erst beim Ausladen wurde ich wieder wach.
Im Krankenhaus wurde ich dann weiter untersucht, ein CT gab es obendrauf, und die Polizei besuchte mich ebenso. Die wollten natürlich wissen, ob ich etwas getrunken habe, was ich selbstverständlich nicht getan habe, was der Alkohol-Schnelltest auch bestätigte.
Während ich auf die Diagnose und Auswertung der Tests wartete, bekam ich alle meine Schulsachen und nicht zerstörten Kleidungsstücke wieder zurück. Daraufhin habe ich erst mal meine Technik gecheckt und musste mit Begeisterung feststellen, dass Tablet und Handy alles komplett unbeschadet überstanden hatten – und das, obwohl ich mein Handy in der Hosentasche hatte. Nur der Laptop hatte einen kleinen Schaden davongetragen, und da auch nur das Gehäuse, der Rest funktionierte einwandfrei. Ebenso hat es meine Brille unbeschadet überstanden. Nur Schultasche und Federtasche waren kaputt.
Also lag ich da, in dem Krankenbett in der Unfallambulanz, müde, aber froh, dass ich noch lebe, als einer der Ärzte hereinkam und mir sagte, dass ein paar Rippen gebrochen sind, der Rest aber in Ordnung sei. Die Lunge war zum Glück nicht punktiert, und die restlichen Knochen waren auch noch alle ganz.
Die Nacht blieb ich selbstverständlich zur Beobachtung im Krankenhaus. Im Zimmer angekommen und mit Handyempfang habe ich erst mal alle wichtigen Personen in meinem Umfeld informiert. Danach habe ich versucht zu schlafen, was eher semi funktioniert hat.
Schlafprobleme oder Flashbacks habe ich keine. Ich habe mich damit abgefunden, dass das eine Situation war, die ich nicht beherrschen konnte. Angst vor dem Wiederaufsteigen habe ich, denke ich, keine, aber das werde ich erst sehen, wenn ich es das erste Mal versuche. Auf jeden Fall bin ich dankbar dafür, dass ich noch lebe, dafür, dass die Rettungskette in meinem Fall so gut funktioniert hat, und vor allem bin ich Julian dankbar, dass er so schnell da war.
Ich möchte mit dieser Story keine Angst schüren. Jeder, der Motorrad fährt, weiß, wie scheißgefährlich dieses Hobby sein kann.
Was es mich gelehrt hat:
Trage deine Schutzkleidung, und zwar alles: Helm, Hose, Jacke, Handschuhe, Schuhe. Bei mir kommt auf jeden Fall noch eine Airbag-Weste hinzu, damit hätte ich mir die gebrochenen Rippen vielleicht auch gespart.
Fahre langsamer, auch wenn die Geschwindigkeitsbeschränkung mehr erlaubt.
Wenn das Bauchgefühl Nein sagt, dann lass es.
In diesem Sinne: Behaltet die Reifen immer auf dem Asphalt.